Rezension: The Abandoned Planet

Es ist erstaunlich, zu was Solo-Entwickler in der Lage sind, wenn sie sich nicht wie viele AA oder AAA-Studios vor Anteilseignern und anderen Stakeholdern rechtfertigen müssen, sondern nur vor sich selbst. So viel sei vorweggenommen: The Abandoned Planet hat nicht die Wucht eines Chained Echoes, das ebenfalls größtenteils alleinentwickelt wurde, hat dafür aber auch keine sieben Jahre Entwicklungszeit benötigt. Und auch wenn die ganz große Immersion der aufwendigst produzierten AAA-Titeln fehlt, gibt es eine berechtigte Nachfrage nach kleineren, preisgünstigeren und dennoch (oder eben deshalb) charmanten Spielen. Vor allem, wenn sich die AAA-Branche seit einiger Zeit auf dem Weg in eine Sackgasse befindet und nicht mehr nachhaltig ist. Wie viel mehr Resourcen müssen Spiele noch für immer weniger Mehrwert aufbrauchen, damit die Branchenführer dieser Verschwendung von Kapital entgegenwirken?

Während die großen, aufwendigen Produktionen immer mehr Zeit brauchen und es durchaus Indie-Spiele mit langer Entwicklungszeit gibt (z.B. Chained Echoes mit ca. 7 Jahren), wurde The Abandoned Planet gerade einmal in zwei Jahren entwickelt. Nun ist Indie nicht gleich Indie – auch hier gibt es starke Unterschiede in Qualität und Umfang. Ein komplexes Rollenspiel benötigt mehr Zeit als ein lineares Adventure. Aber es bedarf nicht immer der größten Komplexität, um unterhaltsame, gute Videospiele zu erschaffen. Und wenn alte, oft tot geglaubte Genre weiterhin existieren und in regelmäßigen veröffentlicht werden, ist das sehr zu begrüßen.

Der Reiz des Verlassenen

The Abandoned Planet. Was die einen der englischen Sprache ankreiden, finde ich faszinierend: Dieses Unpräzise, das mehr Kontext erfordert, um an Bedeutung zu gewinnen. Diese Unbestimmtheit macht neugierig. Nicht Ausformuliertes beflügelt die Fantasie. Wurde der Planet aufgegeben? Wurde er verlassen oder ist er verlassen? Ein aufgegebener Planet heißt nicht unbedingt, dass er verlassen ist, selbst wenn die meisten Kreaturen ihn verlassen haben. Er muss auch nicht verwahrlost oder öde sein. Und irgendwie scheint in diesem Fall trotzdem alles zuzutreffen – abgesehen von öde, denn unfruchtbar ist dieser Planet nicht.

Ein verschlossenes Artefakt am Strand.

Immersion folgt der Spielbarkeit

The Abandoned Planet ist ein 2D-First-Person Point & Click Adventure und erinnert mit seiner Perspektive an die Myst-Spiele, nur ohne 3D-Räume. Ein Drehen auf der Stelle ist nicht möglich. Die Bildschirme sind aufgeräumt und sichtbar animierte oder handelnde Person, die wir aus der dritten Perspektive steuern und beobachten, gibt es nicht. Die Perspekte ist fix, aus den Augen der Protagonistin. Am Rand des Blickfeldes im Vordergrund finden wir komplett in schwarz dargestellte Umgebungsobjekte, wie Vegetation oder feste Strukturen. Das Bild gewinnt an Räumlichkeit.

Die Bildschirmübergänge lassen sich über Pfeilrichtungen im Interface oder über die Interaktion in der über den Bildausschnitt dargestellten Welt veranlassen. Animationen gibt es dabei nicht. Damit geht das Spiel insgesamt sehr sparsam um. Die Hintergründe der einzelnen Schauplätze zeigen zwar durchaus kleinere Animationen wie bewegtes Wasser oder im Wind wehende Gräser. In einigen Momenten sehen wir auch die Hände oder Arme der Protagonistin. Der größte Teil der Interaktion ist jedoch animationslos. Was dadurch an visueller Qualität verloren geht, spart man an Entwicklungszeit. Und gleichzeitig sorgt es für ein flotteres Spieltempo, als wenn das Kombinieren oder Benutzen oder Aufheben von Gegenständen jedes mal mit Animationen versehen würde. Das Spiel opfert einen Teil seiner Immersion zugunsten einer mechanischen, mit der Diegese brechenden Metainteraktionen (wir bewegen einen Cursor statt die Figur direkt), die uns das Spiel immer wieder bewusst macht. Unterstützt wird das durch befriedigende Interface-Animationen und Soundeffekte, die für eine entsprechende Rückmeldung sorgen – dass der Spieler einen Gegenstand eingesammelt, erfolgreich kombiniert oder benutzt hat. Das fühlt sich sehr belohnend an.

Texte sind komplett vertont. Das Portrait lässt sich anpassen.

Die minimalistische Präsentation soll aber nicht über den kohärenten visuellen Stil des Spiels hinwegtäuschen. Die Farbpalette ist reduziert und bietet dadurch starke Kontraste statt sanfter Abstufungen und Übergängen – eine erkennbare Referenz an die Science-Fantasy Magazine des früheren und mittleren 20. Jahrhunderts, wie z.B. Amazing Stories. Entwickler Jeremy Fryc selbst sagt, die Einflüsse von The Abandoned Planet gehen auf Isaac Asimovs Romane und Pulp Magazine des mittleren 20. Jahrhunderts zurück. Auch die sparsam eingesetzten Cutscenes, meist am Ende oder Anfang eines neuen Aktes oder in Schlüsselmomenten, setzten auf starke Kontraste. Oft wird die Protagonistin vor einem farbenfrohen Hintergrund komplett scherenschnittartig als Schatten dargestellt. Musik untermauert diese Sequenzen pointiert, da die Sequenzen kurz sind und die Musik ansonsten ebenso sparsam einsetzt wie die Cutscenes selbst. The Abandoned Planet ist in erster Linie ein ruhiges Spiel. Die Musik, wenn sie einsetzt, immer wieder der selbe Score. Das schafft Wiedererkennungswert und der seltene Einsatz verhindert bewusst wahrgenommene Eintönigkeit.

Ruhige Exploration

Action oder Timing-Sequenzen gibt es in diesem Spiel nicht. Kein Zeitdruck. Kein Stress. Der Fokus liegt auf Exploration und Staunen. Das Abtauchen in eine fremde, verlassene Welt, die vermeintlich unbewohnt ist und dem Spieler Überbleibsel einer vergangen Zivilisation zeigt. Was unsere Heldin genau hierhin verschlägt, wissen wir nicht. Nur, dass sie nicht freiwillig auf diesen verlassenen Planeten ist. Sie stürtzt mit ihrem kleinen, wendigen Raumschiff ab und muss sich in einer fremden Umgebung zurechtfinden. Mittels Umgebungsscanner, der auch für einige Rätsel benötigt wird, misst sie chemische Strukturen und Zusammensetzung der Umgebung und erkennt u.a. ob die Umwelt toxisch ist. Etwas später findet sie ein Tagebuch – in einer ihr und dem Spieler unverständlichen Sprache – und damit einen Hinweis, dass sie womöglich nicht alleine ist. Offenbar war schon jemand zuvor hier und hilft uns so mittelbar beim Lösen einiger Rätsel, wenn wir sie denn aus dem Tagebuch wiedererkennen. Eine Textübersetzung ist nämlich nicht möglich und so muss das Textverständnis aus Symbolen und Zeichnungen erarbeitet werden, auch wenn das nicht so anspruchsvoll ist wie das Dechiffrieren einer Sprache ist, wie z.B. in Chants of Sennaar.

Es ist ein schöner narrativer Kniff, das Tagebuch Teil der Spielwelt werden zu lassen und das gleichzeitig eine Interaktion erfordert, um diverse Rätsel zu lösen. Die Rätsel selbst zeigen eine stete Progression in ihrer Schwierigkeit. Geübte Adventure und Rätsel-Spieler werden durch den ersten Akt nur so sprinten. Doch spätestens im dritten Akt werden wir durch regelmäßiges Backtracking und Suchen nach Lösungen ausgebremst. Dank minimalistischen Animationen geht das Backtracking oft zügig von der Hand: Jeder Klick wird mit einer sofortigen Aktion belohnt. Weite Bewegungen durch Dschungel und Wüste sind besser in Klicks als in Sekunden gemessen. Akt 5 hat dann nochmal ordentlich an der Schwierigkeitsgradschraube angezogen. Letztlich musst ich aber nicht in die Komplettlösung gucken. Das liegt auch an der Logik der Rätsel. Ein Rätsel wie das berüchtigte „Monkey Wrench“-Rätsel mit einem hypnotisierten Affen aus Monkey Island 2 gibt es nicht.

Das Inventar ist immer übersichtlich. Scrollen ist nicht notwendig.

Erzählende Texte werden ebenso sparsam verwendet. Die Protagonistin ist durchaus sehr redseelig und komplett vertont. Ihre Zeilen sind aber eher deskriptiver Natur und die Handlung des Spiels wird überwiegend ohne Dialoge, sondern durch Bewegtbilder vorangetrieben. Wer auf eine Vertonung verzichten möchte, kann in den Lautstärke-Einstellungen die Sprachausgabe gesondert einstellen. Das Portrait der Heldin im HUD lässt sich ebenfalls ausblenden – oder dauerhaft oder nur bei Gesprächen einblenden, dazu in zwei unterschiedlichen Versionen. Das beweist, dass Jeremy offenbar auch selbst viele Adventure-Games zuvor gespielt hat und weiß, was typisch benutzerdefinierte Einstellungen in einem Adventure bieten sollte. Lediglich eine optionale Hotspot-Anzeige gibt es nicht. Auf den aufgeräumten Bildschirmen, die selten mit mehr als gefhült 16 Farben auskommen und nicht mit interaktiven Elementen geflutet sind, kommt es jedoch nie zur Pixeljagd.

Entwickler Jeremy Fryc möchte seine Geschichte über mehrere Spiele erzählen. Wer also am Ende alle Fäden zusammenführen möchte, muss auch die Dexter Stardust-Reihe spielen. So ganz eigenständig ist The Abandoned Planet deshalb also nicht, funktioniert aber trotzdem, da der Fokus mehr auf Rätsel und Exploration als auf Erzählung liegt.

The Abandoned Planet ist seit dem 29.08.2024 bei Steam erhältlich. Preis: 14,79€. Entwickler: Dexter Team Games.

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