2025 – ein literarischer Rückblick, Teil 1

2025 war ein durchwachsenes Jahr, wenn es um Romane geht. Das lag zum größten Teil daran, dass ich weniger als gewöhnlich zum Lesen gekommen. Und zum anderen daran, dass das, was ich las, mich oft nur mittelmäßig überzeugen konnte. Wobei Überzeugung schon recht weit gefasst werden muss. Ich will aber auch gar nicht von Enttäuschungen sprechen, denn Enttäuschung geht aus einer Erwartungshaltung heraus. Und die geht selten über gewissen Genrekonventionen hinaus. Das +4-Sterne-Bewertungen auf Goodreads.com die eigenen Erwartungen nicht zu sehr beeinflussen sollte, musste ich vor einigen Jahren lernen, als ich mich mühsam durch Harffy Matthews Wikinger-Fantasy las.

Einen starken anfang machte Elric, mit der illustrierten Gesamtausgabe um Elric von Melniboné, dem weißhäutigen und komplexen Fürsten eines dekadenten Reiches, das er am liebsten gar nicht regieren würde. Das ist schonmal eine ungewöhnliche Prämisse und mit Elrics Liebe zu der Schwester seines Rivalen Yrkoon, der Elric seinen Thron durch dessen Tod streitig machen will, gibt es ausreichend Potential für Konflikte. Ein klare Sprache, vielschichtiger Protagonist und eine ganze Menge Abenteuer machen die Bücher zu Meisterwerk der Fantasy, das ähnlich wie ‚Herr der Ringe‘ viel zitiert und großen Einfluss, noch bis heute, auf die Fantasy-Literatur hat.

Once Upon a Time in Hollywood folgte darauf und nimmt einen ebenso wie der gleichnamige Film mit in die Zeit des 60er-Jahre-Hollywoods. Tarantino beschreibt hier auf seine typisch karikaturhafte Weise ein Milieu durch Figuren, die an Skurilität kaum zu übertreffen sind. Der eigentliche Plot zeigt sich wie im Film nur dezent. Die Figuren stolpern von einer Szene zur nächsten. Der Roman beleuchtet die Ereignisse und Figuren des Films über das in ihm gezeigte hinaus und ergänzen Tarantinos Milieustudie. Dadurch ist das Buch sowohl für Kenner des Films als auch solche, die ihn nicht kennen, geeignet. Es ist keine bloße Nacherzählung, ist aber auch nicht so eigenständig, als das der Titel des Buches irreführend wäre. Es erwartet einen das, was der Film bot. Wer also dem Plot des Films und seinem Stil wenig abgewinnen konnte, ist mit dem Buch nicht besser beraten. Langen Ausschweifungen über diverse Schauspieler und Filmtiteln muss man schon aushalten.

Was ‚Once Upon a Time in Hollywood‘ an Namedropping an den Tag legte, wird nur noch durch Lux perpetua von Andrzej Sapkowski überboten. Der letzte Teil der Narrenturm-Trilogie ist ein komplexes Werk. Nicht nur, weil es versucht die chaotischen Zustände des Europas des 15. Jahrhunderts mit seinen Hussiten-Kriegen, dem Vorläufer des 30-jährigen Krieges, in eine höchst politische Geschichte zu verweben. Den Durchblick zu behalten ist nicht leicht, sollte aber nicht allein Aufgabe des Lesers sein. Was in ‚Der Narrenturm‘ noch als ein persönliches Abenteuer von Reinmar von Bielau begann, der durch seine Naivität und blinde Verliebtheit von ein Problem ins nächste stolperte und dabei in ein Komplott aus politisch-religiösen Intrigen geriet, wird ab dem zweiten Teil ‚Gottesstreiter‘, wie der Name vermuten lässt, höchst politisch. So verliert auch Reinmar einen Großteil seiner Naivität, die Geschichte einen Großteil ihres Humors. Es wird deutlich ernster und ist eine hervorragende Entwicklung innerhalb einer Trilogie. Leider hat mich ‚Lux perpetua‘ kurz nach der Hälfte verloren. Handlungs-, Ort- und Perspektivsprünge erschweren den Zugang. Ähnlich wie Schätzings neues Buch ‚Helden‘ arbeitet sich Sapkowski an historischen Details ab, wenn Figuren seitenweise über diverse Verbindungen von Personen mit böhmischen oder polnischen oder ungarischen Namen sinnieren. Was Schätzing in ‚Helden‘ mit der Darstellung der Ökonomie macht, versucht Sapkowski hier mit Politik und Religion. Das führt zwar dazu, dass man sich regelrecht an die Stammtische oder politischen Hinterzimmern jener Zeit versetzt fühlt. Gleichzeitig kommt der Plot aber einfach nicht in Fahrt. Vielleicht werde ich es ja doch irgendwann beenden.

Kommen wir zur nächsten Ernüchterung: Das eben schon zitierte Helden von Frank Schätzing. Nachfolger zum Jahre alten ‚Tod und Teufel‘, was gleich nochmal neu aufgelegt wurde vom Verleger, samt Ankündigung eines dritten Teils. Was im Klappentext aufregend und nach Abenteuer klingt, wird lediglich auf den ersten Seiten eingelöst. Nach unnötigen Sprüngen in Jakops Vergangenheit, die ihm mehr Tiefe auf Kosten des Erzähltempos verleihen soll, verliert auch Schätzing sich in Erzählungen und Dialogen, die die Handlung nicht voranbringen. Über hunderte Seiten wird ein ökonomische Geflecht des mittelalterlichen Europas gezeichnet mit zahlreichen Sprüngen von Figur zu Figur. Es folgen zwar grundsätzlich interessante Abhandlungen über den aufkommenden Kapitalismus, über Korruption und die Natur des Handels, Erklärungen über Verzinsung, Darlehen und Wechsel und Devisen, gestreut mit Jacops Suche nach seiner Vergangenheit und die Erklärung dieser. Aber eine konkrete Handlung ergibt sich hier nicht. Es wird an Ort und Zeit zu verschiedenen Charakteren gesprungen, die Reden, sinnieren, lamentieren, essen und Würfel spielen. Vom versprochenen Plot des Klappentextes und der ersten Seiten, keinerlei Spur nach über 200 Seiten. Ist Schätzing hier Historiker oder ein Geschichtenerzähler? Die Grenzen verschwimmen. Als Geschichtsinteressierter kann ich wenig damit anfangen, weil es sich nach wie vor um Fiktion handelt. Als Geschichteninteressierter fehlt mir die Handlung.

Und weiter gehts mit Schwarzer Leopard, Roter Wolf von Marlon James. Einmal bereits musste ich dieses Buch wegen akutem Desinteresse unterbrechen, obwohl mir der Schreibstil und James‘ Sprache sehr zusagte. Zu verwirrend empfand ich damals die oft wiederholend wirkende Handlung. Es kam zu einem Intermezzo mit ‚Der Kult‘ vom gleichen Autor. Sprachgewalt und eine explizit geschriebenen Geschichte wie es sich wenige Autoren trauen bestätigten meinen Eindruck von James‘ Können von pervertierten Figuren und Handlungen, ohne Scheu vor Unaussprechlichem, zu schreiben. Ich fing erneut an mit Schwarzer Leopard, Roter Wolf. Mein Interesse war, wie schon beim ersten Mal, von Seite eins an geweckt. Bis sich der Erzähler erneut in Wiederholungen verliert. Dies entspricht der oralen Tradition des Geschichtenerzählers, wenn der Protagonist hier als diegetischer Ich-Erzähler auftritt und uns vieles über seinen Hintergrund erzählt. Der eigentliche Plot kommt ins Stocken. Zu oft geht es meinem Empfinden nach um sehr persönliche Probleme und interne Konflikte, die nicht so recht in ein episches Fantasy-Werk passen wollen. In dieser Geschichte kommt niemand mit irgendjemanden aus; jeder verspührt eine starke Antipathie gegen alles und jeden. Ein ewiges Tauziehen, Vor und Zurück, verletzte Egos und nie enden wollende Dialoge machen diese Buch zu einer zähen Angelegenheit. Da freut man sich nach knapp einhundert Seiten, dass die Figuren endlich ins Handeln kommen, dass Erkenntnisgewinn die Figuren antreiben auf dem Weg der Handlung und des Plots. Und nach einigen Seiten ist schon alles wieder vorbei und die Figuren streiten sich zum hunderten Male. Trennen sich. Finden wieder zusammen. Reisen durchs Land. Und irgendwie passiert… nichts. „Nur“ 200 Seiten vor Schluss gebe ich erneut auf. Zu oft musste ich mich zwingen weiterzublättern. Eine Geschichte wird nicht epischer, wenn man knapp 300 Seiten an Füllmaterial schreibt und die Figuren über eine Karte reisen lässt, ohne das viel passiert. Es ist schade, denn der eigentliche Plot und die eigentliche nahende Bedrohung verspricht viel Potential. Ich glaube aber nicht, dass die Belohnung am Ende das Investment wert ist.

Einen kleinen Aufwind gab es dann mit Later von Stephen King (‚Später‘, im deutschen). Das Cover sprach mich mit seiner Road-Movie– und Pulp-Ästhetik auf anhieb ab. Der schmale Einband, der in der englischen Fassung nur 248 Seiten umfasst, sowie Kings Name veranlassten mich dann zu einen Impulskauf statt stundenlanger Recherche. King bekommt es wie kaum jemand anderes hin, Kinder zu primären, handelnden Figuren zu machen, die nicht nerven und am laufenden Band dumme Dinge tun. Fairerweise muss erwähnt werden, dass der diegetischer Erzähler, Jamie Conklin, von seinem sechs- und acht-jährigen Ich aus der Perspektive eines 22-jährigen erzählt. Die Perspektive ist hier also die eines erwachsenen Mannes, die erzählten Handlungen aber führt das Kind aus. Und so ergeben sich durch unglaublicher Fähigkeit von Conklin und seiner Begrenzung in Recht und Ressource, bedingt durch sein Alter, eine schöne Dynamik. Mal ist er ein Spielball zwischen äußeren Umständen (hauptsächlich der Alkohol konsumierenden Freundin seiner Mutter) und seinen inneren Konflikten, erhält aber durch seine Fähigkeit eine gewisse Hoheit und Macht, Dinge auch zu seinem Vorteil (und dem seiner Mutter) zu beeinflussen. Am Ende haben die echten Höhepunkt aber trotzdem wenig emotionale Wirkung und wirklich gruselig ist das Thema „Mensch/Kind sieht Geister“ auch nicht mehr.

The Will of the Many war dann letztendlich der Höhepunkt und meine Romanempfehlung für 2025. Von einem Freund empfohlen, wartete ich auf die deutsche Übersetzung, da ich Fantasy am liebsten in meiner Muttersprache lese. Am Ende landete trotzdem die englische Fassung im Haus, die ich anfangs zusammen mit der deutschen alternierend las. Aber der Hälfte blieb ich dann hauptsächlich wegen der Typografie bei der englischen Fassung, denn hier gab es an en einigen Stellen versetzte Absätze, andere Schriftarten, wenn z.B. Inschriften abgelesen wurden, die in der deutschen Version recht langweilig in den Fließtext eingebaut wurden. Eine grundsätzliche Skepsis habe ich gegenüber allen Coming-of-Age-Geschichten. Und das High-School-Drama-Motiv, welches auch The Will of the Many bedient, bekam das eine oder andere Augenrollen von mir. Aufgrund des Doppel- oder gar Dreifachlebens des Protagonisten, ergeben sich immer wieder Spannungsmomente, wenn er eigentlich an zwei Orten gleichzeitig sein sollte und an einem dritten sein will. Dass sich mein Puls beschleunigt schaffen doch recht wenig Bücher. Aber auch bzw. gerade die wabernde Bedrohung, die hinter den persönlichen Konflikten und Ambitionen der Figuren lauert, blitzt nur hier und da etwas durch, ist im Ansatz aber so interessant, dass man auch wegen diesem Motiv weiterliest. Weitere Motive sind: Der Protagonist, seine Ausbildung, seine Beziehung zu anderen Figuren, die er im Grunde die ganze Zeit belügt und betrügt, die politischen Entscheidungsträger. Dazu kommen viele Referenzen an die römische Antike, die hier nicht zufällig durch römische Zahlen und römisch klingende Namen und Suffixe zitiert wird. Wenn außerdem der römische Kolonialismus und Expansionismus nicht nur aus der Perspektive von imperialistischen oder eroberten Völkern erzählt wird, sondern aus beidem vereint in einer Person, da Protagonist Vis nun als kolonialisierter und vertriebener bei genau den Mächten eingeschleust wurde, die ihn vor vielen Jahren vertrieben, erzeugt das eine ganze besondere Erzählweise und schwer auszuhaltenden Konflikt, was Vis als Ich-Erzähler auch glaubwürdig darstellt. Hier steckt also vieles drin für eine außerordentliche Geschichte. Und am Ende offenbart sich eine Bedrohung, die die üblichen Topoi von Fantasy-Welten ein Schnippchen schlägt.

Dieses Level an guter Unterhaltung sollte dann ab circa der Jahreshälfte der Standard werden, nachdem ich Ed Brubaker und Sean Philipps entdeckte. Weiteres dazu dann in Teil 2 des literarischen Rückblicks 2025.

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