Superheldencomics: Warum so oberflächlich?

Dürfen Superheldencomics auch mal ein paar Schichten an Emotionalität und Komplexität tiefer gehen? Ich habe fast den Eindruck: nein. Schon klar, Superheldencomics werden von Millionen Lesern konsumiert und sollen zugänglich sein. In Zeiten von Multiversen und Neuerzählungen spricht aber wenig gegen eine etwas kleinere Zielgruppe, die den konventionellen Comics etwas entwachsen ist.
Ich gebe es zu, das klingt schon stark verallgemeinert. Allerdings habe ich auch nicht die Zeit jeden Comic zu lesen und irgendwo verlasse ich mich dann auch auf die überschwänglichen Bewertungen. Ich spiele den Ball also an die Leserschaft zurück, die der Meinung sind, dass dieser oder jener Comic das non plus ultra ist. Und da es sich hier um keine wissenschaftliche Abhandlung handelt, erlaube ich mir diesen polemischen Kniff.
Wonder Woman Vol. 1: Outlaw. Schön, sexy, mächtig, elegant. Das ist der Zeichenstil, der ästhetisch kaum Schwächen zeigt. Das gilt leider nicht für das Skript, das immerhin mit einem ordentlichen Tempo überzeugt—gerade diesen Kritikpunkt von vielen Lesern, die sich an zu langen Erzählungen stören, kann ich nicht teilen—und nie langweilig wird. Und so blättere ich trotz vieler ernüchternder Momente Seite um Seite weiter. Doch das reicht nicht für ein herausragendes Buch, nicht für eine Geschichte, der am Ende die Brillanz ihrer Zeichnungen und Farben fehlt.
Der große, allumfassende Konflikt wird viel zu eindimensional dargestellt. Die Eskalationsstufen werden im Sprint durchlaufen, was das Erzähltempo zwar erträglich macht, einem aber das Gefühl hinterlässt, dass einige—zu viele—Stationen übersprungen wurden. Das ist mir zu schlicht. Zumindest für einen Comic, der sich an Erwachsene richtet. Falls das tatsächlich seine Absicht ist.
Doch nicht nur die oberflächliche Ausleuchtung eines komplexen Konflikts mit komplexen Hintergründen ist problematisch. Historisch haben Superheldencomics häufig politische, soziale und gesellschaftliche Themen aufgegriffen, die zur Zeit ihrer Entstehung aktuell waren. In Outlaw hingegen geschieht alles zu schnell und zu unglaubwürdig. Ich erwarte keine realistische Darstellung tatsächlicher soziopolitischer Machtverhältnisse. Aber ein einzelnes Ereignis—der Auslöser des zentralen Konflikts dieser Geschichte—reicht mir nicht aus, um überzeugend zu vermitteln, dass ein neues Gesetz mit derart drastischen Konsequenzen verabschiedet wird. Von seiner operativen und logistischen Umsetzung ganz zu schweigen.
Zu viel wird in einen Schmelztiegel an topoi, geworfen, die letztlich zu Reproduzierung bekannter Muster führen. Der Präsident ist natürlich nur eine Marionette, gesteuert von anderen alten weißen Männern. Er besitzt keine wirkliche Macht. Selbstverständlich muss er das unterwürfig beweisen, indem er dem tatsächlichen Herrscher den Ring küsst. Die wahre Macht existiert natürlich seit Jahrhunderten und regiert aus den Schatten. Natürlich sind diese Menschen auch misogyn. Und selbstverständlich sind sie so mächtig, dass niemand es wagt, sie anzurühren—selbst dann nicht, wenn sie alt und gebrechlich sind und ohne jegliches Sicherheitspersonal allein vor einem stehen. Warum diese Person nicht einfach gewaltsam aus dem Spiel genommen wird, lässt der Comic unbeantwortet. Abhängigkeitsverhältnisse—die zu Machtpositionen grundsätzlich immer dazugehören—werden nicht in dieser Tiefe dargestellt. Und das Argument, Gewalt könne keine Lösung sein, hält in einem Comic nicht stand, der auf jeder fünften Seite jemanden erschiessen oder totprügeln lässt.
Weitere Stereotype treten in Gestalt von Menschen auf, die bloß Befehle ausführen—und dabei de facto gehörlos gegenüber jeglicher Argumentation werden. Gleich dreimal wiederholt Wonder Womans Gegenspieler wortwörtlich: „Ich habe eine Armee!“, während Wonder Woman rational argumentiert und versucht, dem wütenden weißen Mann klarzumachen, dass sie im Grunde am selben Strang ziehen. Die Pappfigur eines Schurken weiß nichts anderes zu sagen. „Ich habe eine Armee!“ Nein, danke.
Nebenfiguren wirken wie eine Parodie rechter Konservativer, wenn sie nach einem einzigen Vorfall mit 17 Toten von Völkermord sprechen. Da alle Toten Männer waren, handelte es sich selbstverständlich um einen Angriff auf Männer als Geschlecht. Zynisch amüsant ist allerdings, dass ein Soldat—durch Superschurken-Kräfte, dem „Lasso der Lügen“—dahin gehend manipuliert wird zu glauben, er habe durch das Verlieren eines Kampfes seine Männlichkeit eingebüßt und eine Frau sei dafür verantwortlich. Diese Demütigung ist nicht zu ertragen und führt letztlich zum Suizid des Soldaten, für den Wonder Woman ebenfalls verantwortlich gemacht wird. Das ist Überzeichnung bis zum Äußersten und grenzt ans Lächerliche. Ob man darüber lacht oder es ernst nimmt, ist vermutlich Geschmackssache.
Der Erzählstil selbst schwankt zwischen erträglich und kaum auszuhalten. Emotionale Bilder werden viel zu penetrant eingesetzt, etwa wenn das Kind einer deportierten Familie aus dem Haus gezerrt wird und weinend sagt: „Ich verstehe das nicht.“ Natürlich verstehen Kinder keine juristischen Verrenkungen, wenn schon der durchschnittliche Bürger damit kämpft. Oder wenn moralische Zeigefinger in Sätzen wie „Wer glaubt, Mädchen seien dumm, ist selbst dumm“ verbalisiert werden, was sprachlich eher an einen Streit auf dem Schulhof erinnert.
Doch es gibt nicht nur sprachliche Fehlgriffe. Tom King kann auch anders. Besonders gefallen hat mir Folgendes:
„Jede Erzählung über die große Wonder Woman verrät uns mehr über die Erzählenden als über ihre vermeintliche Protagonistin. Sie projizieren treu ihre eigenen Ängste auf sie, in der Hoffnung, dass ihre Legende ihre alltägliche Panik lindern kann.“
Das ist nicht nur stilistisch gut geschrieben, sondern funktioniert auch auf thematischer Ebene. Leider gibt es zu wenige Reflektionen dieser Art, um den Figuren Komplexität und Authentizität zu verleihen; um Outlaw über einen durchschnittlichen Superheldencomic hinauszuheben, wie man ihn fast überall findet. Und wenn der Verlag ihn bereits als „dringend benötigten Kommentar“ bewirbt, erwarte ich mehr. Wird hier etwa ebenfalls das Lasso der Lügen benutzt oder damit gekämpft (um in der Metapher zu bleiben)?
Immerhin so viel: Auch die Amazonen behaupten von sich, die größte Nation der gesamten Geschichte zu sein. Und die Soldatinnen dieses Volkes stellen ihre eigenen „heiligen Gesetze“ über die Großherzigkeit, als Wonder Woman einem todkranken Kind Paradise zeigen möchte (eine Doppeldeutigkeit, die sich ausnahmsweise nicht aufdringlich anfühlt). Wonder Womans Reaktion darauf ist treffend, als die Amazone erneut mit „Die Gesetze …“ ansetzt, um Wonder Woman und dem Kind Zugang zur Insel zu verwehren:
„Gesetze werden von Frauen geschmiedet, die der Barbarei entkommen wollen. Und was sind wir, meine Schwester, wenn nicht das?“
Ein allzu treffender Kommentar, der sich gerade hierzulande besonders lesen lässt—in meinem Land der Bürokratie, in dem deutsche Spießbürger bei legislativen und juristischen Debatten lieber Gesetze anstatt Ethik und Moral zitieren. „Es ist nun mal das Gesetz“, hört man oft. Es sei denn, es geht um die ganz großen emotionalen Themen. Da sind dann Mittelaltermethoden gerne willkommen. Und offenbar ist es Gesetz, dass viele Superheldencomics nur an der Oberfläche kratzen dürfen.
Wonder Woman Vol. 1: Outlaw von Tom King ist bei DC Comics 2023 erschienen.
U.S. Preis: 19,99$. Seitenzahl: 157. Enthält Wonder Woman #1–6.



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