
Für Dark Romance oder Romantasy-Fans war 2025 sicher ein gutes Lesejahr. Glaube ich. Auch wenn ich meine Infos über #booktok etwas dekadent aus dem Feuilleton der F.A.Z. beziehe. Da ich mit diesen Genre aber so viel anfangen kann wie mit eingeweichten Cornflakes (die einen mögen es, ich mag es nicht) und ich auch sonst selten einem Erscheinungshype folge und häufiger Bücher lese, die schon vor einer ganzen Weile erschienen sind, gab es bis auf The Will of the Many keine im letzten Jahr erschienenen Bücher, die mich dazu brachten sie zu lesen, geschweige denn mich zu überzeugen. Nein, glaub mir, es liegt nicht an dir, es liegt an mir. Ich bin einfach so schwer zufrieden zu stellen und nörgel an allem herum. Zumindest bis man mir keinen oder wenig Grund zum Nörgeln gibt. Daher ist das hier mein Rückblick auf die von mir gelesenen Büchern und nicht zwangsläufig auf Bücher, die erschienen sind. Aber für so etwas gibt es ohnehin Listen, andere Quellen und Kanäle. Wer sich damit also auf dem neuesten Stand hält, findet hier vielleicht noch etwas Inspiration ohne Redundanz zu lesen. Hoffe ich zumindest. Und so durchwachsen der erste Teil des Jahres und mein Beitrag ausfiel, umso besser wird es nun!
Den Göttern sei es gedankt, dass ich auf Power-Duo Ed Brubaker und Sean Philips gestoßen bin. Brubaker schreibt in einer schnörkellosen Art, wie es zum Genre des (Film) Noir oder der amerikanischen Pulp-Magazine passt. Den Amerikanern wird ja oft eine Verhunzung der Sprache vorgeworfen. Dennoch haben wir ihnen (teilweise oder gerade dadurch!) etliche neue Gattungen zu verdanken—in der Musik, im Film oder in der Literatur. Während die Pulps aber auf billigem Papier von billigen Autoren geschrieben und ohne Illustrationen gedruckt wurden, ist an Brubaker und Philips nichts billig.
Die Cover von Criminal, die 2006 begonnene Serie, geben einen guten Eindruck in die Zeichnungen und Farbe von Philips: eine reduzierte Farbpalette, die durch die Abwesenheit von feinen Abstufungen starke Kontraste erzeugt und damit eine Kraft ausstrahlen, die die Texte makellos ergänzen. Während andere Comics auf viele Details und Realismus setzen (wie z.B. die durchaus gelungene Serie Monstress) und darunter manchmal Erkennbarkeit und Lesefluss leiden lassen, ist bei Philips jedes Panel klar lesbar. Das Cover ist außerdem anders als bei anderen Comics keine Mogelpackung, die einen komplett anderen Stil verspricht als das, was einem dann letztendlich auf den eigentlichen Seiten anspringt und Enttäuschung verbreitet. Die Welt und Charaktere, die Brubaker kreiert sind makelbehaftet, komplex und schon gar nicht auf Sympathie angelegt. Ein gewagtes Experiment, sind unsympathische Personen zwar realistisch. Wenn aber eine Identifizierung mit Figuren stattfinden soll, muss es Anknüpfungspunkte geben. Das bedeutet, der Leser muss sich irgendwo in den Makeln und vielleicht sogar in einigen unsympathischen Handlungs- und Gedankenmustern der Figuren wiederfinden. Und das gelingt Brubaker hervorragend.

Den Anfang in der zweiten Jahreshälfte aber sollte bei mir die Serie Reckless machen, die in fünf Ausgaben zwischen 2020 und 2022 bei Image Comics erschienen ist. Image Comics schreibt:
Sex, drugs, and murder in 1980s Los Angeles, and the best new twist on paperback pulp heroes since The Punisher or Jack Reacher. ED BRUBAKER and SEAN PHILLIPS, the modern masters of crime noir, bring us the last thing anyone expected from them—a good guy. A bold new series of original graphic novels, with three books releasing over the next year, each a full-length story that stands on its own. Meet Ethan Reckless: Your trouble is his business, for the right price. But when a fugitive from his radical student days reaches out for help, Ethan must face the only thing he fears…his own past.
Image Comics
Mir gefiel das Setting, die Handlungsorte und die Genugtuung, die man verspürt, wenn es die gute alte Gewalt ist, die Probleme löst und die Geschichte voran treibt. Reckless als Gewaltspektakel zu bezeichnen, greift aber zu kurz. Am Ende läuft zwar alles darauf hinaus, und das Cover mit Spaltaxt und Autoexplosion zeigt, worauf man sich einstellen sollte. Protagonist Ethan ist natürlich niemand, den man ruft, wenn der Rasen gemäht oder das Dach neu eingedeckt werden soll. Ethan engagiert man, wenn einem staatliche Institutionen nicht weiterhelfen können und damit meine ich nicht die Steuererklärung. Bis es aber zu erwähnter Gewalt kommt, muss Ethan ermitteln, alte Kontakte aktivieren und neue knüpfen und mit alten Konflikten kämpfen. Reckless ist ein Komplettpaket aus Verbrechen, Ermittlungen und Action, und hält sich mit seinen 144 Seiten nicht mit Belanglosen auf.

Etwas Abwechslung sorgte dann Fatale, dieses Mal ohne Philips. Man stelle sich Crime Noir mit cthulhu-esquen Elementen und chaotischen Zeitsprüngen vor. Ja, das ist bereits eine Wertung. Stil, Atmosphäre und Dialoge sind wie gewohnt oberste Schublade. Genau dort, wo die wenigsten Bücher landen. Der Story zu folgen ist aber nicht immer leicht, da sie auf verschiedenen Zeitebenen gleichzeitig spielt und auf ein paar Hochzeiten zu viel tanzt. Nach einer Ausgabe habe ich erstmal entschieden, anderen Serien zu folgen. Abgeschrieben habe ich „Fatale“ aber noch nicht.

Der Nächste, bitte: Velvet. Ebenfalls von Brubaker, ebenfalls ohne Philips. Spionagethriller, der hauptsächlich in den 1970er Jahren spielt, aber bis in die 50er zurückgeht. Protagonistin: die erfahrene Velvet Templeton. Sie raucht, hat ein paar Alterungsfalten, eine weiße Haarsträhne. Ob getönt oder Natur ist nicht bekannt. Die Handlung ist komplex und greift viele whodunnit Elemente auf, diverse Wendungen inklusive. Zeichnungen und Farben sind denen von Philips in Criminal nicht unähnlich: Kontraststarke Farbpalette, überwiegend dunkle Töne, aber einen Tick detailierter.

Nun zum bereits angeteasertem und Paradebeispiel eines verdammt guten Comics, der nur eine Richtung kennt: vorwärts. Wie ein Bulldozer. Ring frei für CRIMINAL. Zu erst in der Deluxe-Ausgabe gelesen, die ganz viel Schmuck mit sich bringt, bin ich später auf die trade paperbacks umgestiegen—handlicher zu lesen, mehr Cover. Der Prolog der ersten Geschichte, „Coward“, enthält unter anderem folgende Zeilen:
I’m scared of ending up like my father. Scared of dying where I most likely belong… in prison.
COWARD, CRIMINAL #1
Brubaker schreibt nicht nur harte Charaktere, treffsichere Einzeiler, sondern schiebt Subtilität in die raue Umgebung seiner Figuren, wo man sie genretypisch weniger erwartet. Jetzt die obligatorische Empfehlung: Für jeden, der etwas mit Crime Stories anfangen kann oder es möchte. Egal, ob neu im Genre der Comics oder nicht. Die eingeschworene Leserschaft ist sicher mit Brubaker (und Philips) vertraut. Ich aber war es nicht und habe vor knapp 15 Jahren mit dem intensiven Lesen von Comics angefangen, auch wenn diese (alte) Liebe erst im letzten Jahr wieder neu entflammt wurde.
Den Göttern sei Dank!



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